Mazedonien 2006 "Auf den Spuren Kara ben Nemsis"
Adrianopel - Rhodopen - Pirin Gebirge - Plačkovica - ar Planina
Der Versuch in 2005 die Plackovica zu überqueren
schlug aufgrund widriger Umstände fehl. Jedoch gelang es mir die
GPS- Daten zu sammeln um es in 2006 erneut zu versuchen.
Prolog
Für die Tour in der ersten Maiwoche 2006 hatten sich Frank, mein Jugendfreund, und Toni, er ist seit über 30 Jahren mit
einer Mazedonierin aus Radoviš verheiratet und hat dort, strategisch günstig gelegen, ein Häuschen direkt an der
Auffahrtsstraße zur Plackovica, als Begleitung angeboten. Frank und ich starteten also am letzten Freitag im April Richtung
Regensburg, um Toni vom dortigen Bahnhof abzuholen. Den Termin um 19 Uhr konnten wir, wegen der häßlichen Stausituation um
Würzburg herum, leider nicht einhalten. Toni mußte auf dem Bahnhof noch etwas Geduld aufbringen, bis wir ihn samt Fahrrad
und Rucksack gegen 21:30 Uhr aufnehmen konnten. Dem Wahnsinn der WM Ticketverlosungen, für mich ein heißer Kandidat für das
Unwort des Jahres 2006, konnten wir so endlich entfliehen.
Dann ging es Nachts über die Balkanmetropolen Wien und Budapest, morgens durch Belgrad nach Niš, wo wir gegen Mittag
ankamen. Begleitet von Zoran und Bogdan, er hatte sein Fahrradtraining immer noch nicht aufgenommen, begaben wir uns zum
Cela Kula, dem Schädelturm.
Dies sollte ein erstes Beispiel für das segensreiche Wirken des Padischah (Großherrn) auf dem Balkan sein. Im Jahre 1809
hatte die türkische Armee den Aufstand um Niš, nach verlustreichen Kämpfen, niedergeschlagen. Die 950 gefangenen serbischen
Kämpfer wurden enthauptet und ihre skelettierten Schädel in einen Turm einzementiert. An der Militärstraße nach Belgrad
sollte auf diese Weise ein Exempel statuiert und die Bevölkerung von weiterem Widerstand abgehalten werden.
Creative Destruction I
Der Turm, welcher ursprünglich auf freiem Feld gestanden hatte, war nach der Befreiung vom Türkenjoch mit einer Kapelle
umbaut worden. Zum einen um die Gebeine vor Wind und Wetter zu schützen, zum anderen, wie ich meine, den Kämpfern für die
serbische Nation eine würdige Ruhestätte zu geben.
Hier hatten sich die Osmanen als schlechte Gewinner erwiesen. Wegen dieser und unzähliger anderer Grausamkeiten ist dann
auch ihr Reich zerfallen. Augenscheinlich hat sich an der Mentalität nicht viel geändert, denn ihre Nachfolger erweisen
sich auch heute noch als schlechte Verlierer, wie vor kurzem die Schweizer Fußballnationalmannschaft in Istambul erfahren
mußte.
Nach einem Abstecher in die Ruinen von Mediana und einem frugalen Mahle im Amerikanac (Amerikaner) in Niš, dem sogenannten
Niški Voz (Nischer Zug), begaben wir uns auf die letzten 350 km unserer heutigen Reise nach Štip.
Nach der Grenze übernahm Frank das Steuer. Nach einem Kilometer wurde die Fahrt leider wieder gestoppt. Eine
Geschwindigkeitsbeschränkung von 60 km/h, mit angeblich 80 überfahren, wurde Frank zum Verhängnis. Als der Pandur (vulgo:
Bulle) Frank zu Fuß zurück zur Grenze schicken wollte, um die 40€ Strafe zu bezahlen, mußte ich meinen persönlichen
Disponenten in Štip anrufen. Eine kurze Intervention des früheren jugoslawisch- mazedonischen Verkehrspolizisten bewirkte,
daß Frank von den Panduri ohne diese Bestrafung entlassen wurde. May spricht in „Durch das Land der Skipetaren“ von den
„beklagenswerten Zuständen Halbasiens“. Vielleicht hatte er so etwas gemeint.
Jedenfalls sollte es uns, besonders Frank, egal sein, da wir unsere Reise unbehelligt fortsetzen konnten. In Štip trafen wir
unseren Beschützer und amüsierten uns besonders über die letzte Begebenheit an der Grenze. Da der Optimismus unserer
Gastgeber bezüglich der Wettersituation für die nächsten Tage in Mazedonien grenzenlos negativ war, ließen Frank und ich uns
breitschlagen mit ihnen nach Chalkidiki, genauer Kassandra, zu fahren. Ein Glück wenn man solche Alternativen hat. Toni
konnte die verregneten Tage für seine Familie nutzen und auf uns in Radoviš warten. Aus Griechenland zurückgekehrt, begaben
wir uns zu Fuß auf die Burgruine über Strumica um die verschiedenen Wege auf dem Berg zu erkunden.
Singletrail über Strumica
Ich ging mit einem unguten Gefühl bezüglich des Wetters ins Bett.
Tag 1: Strumica - Radoviš - Plačkovica Planina - Krupište: 95 Km, 1800 Hm
Das Aufwachen am nächsten Morgen war begleitet von dem monotonen Prasseln der zu abermillionen auf die Dachschindeln
herabstürtzenden Regentropfen. Tolle Aussichten für‘s Radfahren.
Aber es nützte nichts, hinaus in die Nässe und vorwärts Richtung Radoviš. Es ging jetzt immer am Flüßchen Strumica, welches
deutlich mehr Wasser als 2005 führte, entlang. Wider meiner Erwartung war der Weg ganz gut befahrbar, so daß wir nach kurzer
Zeit auf das unvermeidliche Stück Magistrale Strumica - Radoviš gelangten. Nach kurzer Fahrt gab es die Möglichkeit die
Strumica zu überqueren. „Heute würde das wohl nichts werden“, dachte ich mir. Und tatsächlich: an dem Flüßchen angekommen,
keine Möglichkeit wie 2005 hindurchzuwaten, auch keine Fähre, sondern zurück zur Magistrale und bis zum Abzweig Zleovo
weitergefahren.
Das Radfahren auf den Fernverkehrsstraßen in Mazedonien ist nicht unbedingt ein Vergnügen. Die Autofahrer hier sind, wie
fast überall auf der Welt, in ihre eigene Geschwindigkeit verliebt. Wenn sie sich einem von hinten mit 100 km/h nähern,
erntet man noch einen Hup und im besten Fall sind sie an einem vorbeigefahren. Deswegen waren wir froh den Abzweig zu
erreichen um auf eine ruhigere Straße abbiegen zu können.
Jetzt kam der lustigste Teil der Reise. Denn der Weg von Pokrajcevo nach Jargulica hatte es durch die Regenfälle der letzten
Tage in sich. Lehmiger Boden und Wasser ergibt Schmierseife, so daß wir mit Ballonreifen unterwegs waren.
Waschservice
Glücklicherweise gab es in Rakleš, kurz vor Radoviš, noch diesen freundlichen Herren, der unsere Räder mit Hingabe vom
Schmutz befreite, so daß wir, einigermaßen wiederhergestellt, bei Toni in Radoviš einreiten konnten. Aber die Feuchtigkeit
hatte ihre Spuren hinterlassen. Schuhe, Socken, Hosen und Shirts waren ziemlich durchnäßt. Glücklicherweise hatte Tonis
Schwager den Ofen angeheizt, so daß wir die Sachen trocknen konnten. Zum Wärmen von innen stellte er uns eine Žuta Loza auf
den Tisch. Alle anderen sprachen diesem Getränk gut zu. Ich hielt mich zurück.
Toni wollte seine Gesundheit nicht gefährden deswegen beschloß er in Radoviš zu bleiben. Auch Franks Hose wollte nicht
trocken werden, er war meinem Rat nicht gefolgt, sich mit Funktionswäsche zu versorgen. Nützte jetzt aber nichts mehr, ich
mußte wie 2005, wieder allein über die Plackovica Planina. Toni’s Schwager fragte mich beim Essen wie lange ich bis
Krupište, dem Nachbarort von Ularci (Karl May sprach von Warzy, ich hatte das 2005 herausgefunden) brauchen würde. Ich
meinte vier Stunden würde das schon dauern. Das hielt er für vollkommen unmöglich und prophezeite mir ein Ankommen nach 7
bis 8 Stunden. Wir würden sehen!
Der Weg hinauf in die Plackovica auf Asphalt war, trotz leichtem Nieselregen und mit zunehmender Höhe, auch kälter
Außentemperatur und zunehmendem Nebel, leidlich gut zu fahren. Auf 1500 müNN herrschten 6°C. Im Gegensatz zu 2005 begegnete
ich auch kaum Leuten oben im Gebirge. Lediglich einem Bauer auf seinem Traktor. Seine Frau saß, vollkommen in Plastikfolie
eingehüllt, auf dem Anhänger (Wrapped in plastic: wo hatte ich das schon gehört?). In einem Anflug höchsten Erstaunens
fragte er mich: „Majstore šta vi radite ovde - Meister was macht ihr hier“, als er mit seinem Traktor vorbeituckerte.
Geistreich antwortete ich ihm: „Vozim Bicikl - Ich fahre Fahrrad“.
Der Forstweg über die Plackovica war teilweise durch den Regen der letzten Tage in einem erbärmlichen Zustand, so daß ich
gelegentlich absteigen und schieben mußte. Aber auch diese Tortur endete, so daß ich das Erholungsheim der jugoslawischen
Armee erreichte. Hatte ich mich im letzten Jahr hier noch verfahren und war mit viel Glück vor der Nachtfinsternis gerade
eben noch nach Radoviš zurückgelangt, so wußte ich jetzt den Weg und war erstaunt wie einfach dieser zu verfolgen war.
Jedenfalls hatte ich noch mehrfach Grund zur Freude über die perfekte Linienführung dieses Weges bis ich die Asphaltstraße
ins Tal der Bregalnica erreichte.
Auf der Plackovicka Planina
Jetzt folgt eine grandiose Abfahrt ins Bregalnicatal, über 25 km. Als ich nach 4 Stunden und 15 Minuten nach der Abfahrt aus
Radoviš bei Stojan in Krupište ankam, wurde mir erst einmal eine Žuta Loza und ein Bier vorgesetzt. Frank und Toni staunten
nicht schlecht, als sie mich, vom „Zmaj Promet Pick Up Service“ gebracht, eine Viertelstunde später in bester Stimmung
vorfanden. Denn ich hatte allen Unkenrufen zum Trotz bewiesen, daß es möglich ist die Plackovica, mit knapp 1800 Hm bergauf,
von Strumica aus, an einem Tag zu überqueren.
Der Weg über die Plackovicka Planina ©Google
Nachdem wir in Krupište mit unseren mazedonischen Freunden ein Lamm verspeißt hatten (nächstes Jahr ist diese Aktion mit
zünftiger Musikbegleitung in Žiganci geplant) begaben wir uns in unser Hotel nach Stip. Gute Erholung war für mich nach den
heutigen 95 km, bei häßlichem Wetter, mehr als notwendig. Auch mußte ich meine Sachen trocknen.
Tag 2: Štip - Gradištanska Planina - Petrovec: 75 Km, 800 Hm
Der nächste Morgen zeigte sein schönstes Gesicht. Da die Heizung im Hotel ausgeschaltet gewesen war, wurden meine Schuhe
noch nicht trocken. Abhilfe konnte in der Werkstatt unseres Supporters „Zmaj Promet“ geschafften werden.
Zmaj Promet
Nach einer Stunde vor einem Heizlüfter waren sie trocken und wir konnten uns, mit kleiner Verspätung, erneut auf die Spuren
Kara Effendis begeben. Von Štip ging es auf Nebenstraßen gemütlich nach Sveti Nikole, wo wir auf Kara ben Nemsis Route
treffen mußten. In Sveti Nikole, im Restaurant „Tiho Noci - Tiefe Nacht“, speisten wir drei zum Spottpreis von 9 € zu
Mittag.
Da sich die Leute vom „Tiho Noci“ noch an meinen Besuch vom letzten Jahr erinnerten, bin ich sicher, daß wir im nächsten
Jahr wieder herzlich bedient werden. Weiter ging es über die Dörfer Gorobinci und Trstenik auf die Höhen der Gradištanska
Planina. Hier auf dem Gradište steht, strategisch günstig, eine meteorologische Station. Deswegen führt ein asphaltierter
Weg hier herauf.
Makedonski Rabot
Hier trafen wir noch auf zwei Männer, welche Unmengen von Müll in riesige Säcke steckten. „Ušaz to ovde izgleda, juce sam
to vec video, tamo gore na Plackovica - Schrecklich sieht das hier aus, gestern habe ich sowas schon oben auf der Plackovica
gesehen“, stellte ich fest, nachdem ich den ersten begrüßt hatte. „To je samo makedonski rabot. Ljudi su bili na prvi i
drugi Maj ovde, a niko misli da uzme nazad njegovi stvari - Das ist nur mazedonische Arbeit“, erwiederte er einigermaßen
genervt, „Die Leute haben hier am 1. und 2. Mai gefeiert, aber niemand hat daran gedacht seinen Mist wieder mit
zurückzunehmen.“ Wir fragten ihn noch nach dem Weg nach Konjare über Divlje aus und er bestätigte uns: „Od ovde imate crn
put do Divlje, samo ide dole, oko deset kilometara - Ab hier ist Forstweg bis Divlje, es geht nur noch bergab, ungefähr
zehn Kilometer“. Konnte man das glauben, nur noch bergab. Einige Gegenanstiege würde es sicherlich noch geben.
Die, von den Unwettern der letzten Tage, aufgeweichte Naturstraße nach Divlje (Wild) war trotzdem leidlich zu fahren. Wir
kamen fast ohne Probleme (Frank mußte etwas Luft nachpumpen) nach Divlje und hielten an der Quelle, dem zentralen
Anlaufpunkt, in diesem Dorf. Nach fünf Minuten hatten sich die Honoratioren des Ortes ebenfalls an der Quelle versammelt und
fragten uns aus.
Am Brunnen in Divlje
Der Herr in der hellen Kappe behauptete, daß er einige Jahre in Amsterdam gelebt hat. Frank wollte ihm auf den Zahn
fühlen und fragte: „Den kunnenwij ook een beitje in het hollands spreken“. Da er auf diese Aufforderung, holländisch zu
sprechen nicht einging, war er entlarvt. Wir fragten die anderen beiden nach dem Weg hinunter nach Skopje, obwohl das nicht
notwendig gewesen wäre denn der Weg lag asphaltiert und klar vor uns.
In Sredno Konjare erreichte wir den Weg den ich schon 2005 befahren hatte. Frank mußte auf dem Weg nach R’žanicino noch
einmal nachpumpen, so daß wir auf der Autobahnbrücke entschieden, nicht mehr nach Sredno Vodno, unserem reservierten Hotel,
oberhalb von Skopje zu fahren.
Am Kiosk in Petrovec
Stattdessen ließen wir uns in Petrovec am Kiosk abholen um die Nacht wieder in Štip zu verbringen. Jedenfalls eine tolle
Leistung von Toni, bei dieser Tour mit seinen 58 Jahren, so gut mit uns mithalten zu können. Auch Frank hatte seine erste
Mountainbiketour mit Bravour absolviert.
Rückreise
Der Rückweg führte uns noch nach Belgrad wo wir einen unvergeßlichen Abend im Künstlerviertel Skadarlija verbrachten. Nach
einem Abstecher zu den Ruinen, die Billy "Suck my Dick" Clinton’s Luftkavallerie in Belgrad 1999 hinterlaßen hatte, am
nächsten Mittag, fuhren wir zurück ins Land der Ticketverloser, so wie wir es verlassen hatten.
Creative Destruction II
Ein ausführlicherer Bericht von mir, welcher die Aspekte von Karl May's Werk noch mehr berücksichtigt, ist im Magazin:
"Karl May & Co" (Heft 107)
erschienen.
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